Neue Sentenzen, Aus „An der Grenze“

Eine Anthropologie, ein Denken über den Menschen, sollte, sofern es Gültigkeit beansprucht, ange­sichts und eingedenk des Krieges oder im Krieg verfasst werden. Im Krieg zeigt sich der Mensch in seiner Blöße, in seiner Feigheit und Niedertracht, aber auch in seiner Hoffnung, seinem Mut und seiner möglichen Brüderlichkeit, wenn letztere sich auch als verschwindende Größen erweisen an­gesichts von Denunziation, Mitläufertum und irrationalem Feindbild.

Wie kann man einem Geschenk großer Güte gegenüber seinen Dank ausdrücken? Ein Gegenges­chenk? Damit würde man sich vor dem Geber und sich selbst lächerlich machen. Ich kann das Ge­schenk nur annehmen, indem ich es Verwandlung in mir bewirken lasse.

Die Tierwelt lebe „im Kampf ums Dasein“ haben wir gelernt. Wer sich länger in der Natur aufhält, weiß, dass dem nicht so ist. Die Tiere leben in der Fülle der Erde, haben großen Frieden und spielen oder jagen (was auch Spiel ist) oder schlafen. „Der Kampf ums Dasein“ ist eine menschliche Über­tragung. Es wäre eine gewisse Beruhigung, wenn alle Wesen so glücksunfähig wären wie wir. Die Tiere aber sorgen für das ausgleichende Wohl der Erde. Sie sind glücklich, denn sie haben kein ein­gebildetes Wissen um den Tod. Sie machen Beute um der Nahrung willen und werden Beute um der Nahrung willen. Und wenn sie Beute werden, ergeben sie sich darin. Sie kennen keine Rache.

Im Raum der Zeichen ist jedem alles möglich. Im Raum der Wirklichkeit wird nur dem Muti­gen, ihm, der sich aussetzt, eine Möglichkeit.

Wir leben, bezogen auf unser Außenverhältnis, in einem Bild von uns, in einer Art Verschup­pung. Jede Kontaktnahme geht über das Bild. Darin besteht die Schwierigkeit von Begeg­nung. Man muss zunächst die Ebene des Bildes finden. Wie aber, wenn man zum Wesen will? Das ist ein langer Schuppen-Abklopf-Prozess. Die erotische Liebe kennt eine Abkürzung: Man gibt sich gegenseitig preis. Das gehört zur schönsten Folgeerscheinung dieser Liebe. An­sonsten müssen wir uns mit Bil­dern abmühen, die nicht treffen. Ein Panzergewand, dahinter wir Verstecken spielen. Wiewohl das Spiel nicht wirklich spaßvoll ist, müssen wir es, zumin­dest am Anfang, mitspielen. Danach kommt es darauf an, ob uns die Entschuppung oder das Durchdringen des Panzers gelingt. Aber wer will das? Viele suchen nichts, als in ihrem Bild bestärkt zu werden.

Humor ist ein Engel. Ein schwebender Geisteszustand. Wenn ich lache, wohlmeinig lache, befinde ich mich im transzendenten Raum. Darum ist Humor die göttliche Hilfe, die Endlich­keit in der End­lichkeit zu ertragen. Er unterminiert mit dem Bild das herrschende Bild, indem er dessen Koordinaten vertauscht.

Es liegt im Wesen des Sprechens – da es polare Fest-Stellungen macht im bipolaren Raum -, dass es ein Gegensprechen heraufbeschwört, und wenn „Sprechen“ ein Denken ist, ein Ge­gendenken. Auf jede Setzung folgt die Gegensetzung. Darum ist die beständige Wirklichkeit aller menschlichen Be­hauptung Widerstreit. Polemos ist als Streit die unausbleibliche Frucht unseres mit Namen markier­ten Besitzbegehrens und ist gleichzeitig die Reibungsfläche, ohne die wir nicht werden können. Friede ist nur im Schweigen angesichts der Stille oder in der Hingabe, ist, wo wir auf Markierung verzichten.

Warum findet man in keiner Religion einen Lobgesang auf den Humor? Ist der Humor doch eine starke und befreiende Überlebenskraft. Er stellt den Beutewillen bloß und schenkt Ab­stand zum Ge­gebenen. Echter Humor lacht nicht auf Kosten anderer, sondern ermöglicht ein gemeinsames La­chen, ein Lachen über uns selbst. Im Humor sind wir weder Herrscher noch Sklaven, sondern Freie.

Wir haben ein Selbstbild, wonach wir Engel sind. Nicht Engel des Guten, aber Engel des Vollkom­menen. Und es ist ausgerechnet der Körper, und an diesem insbesondere das Ge­schlecht, was unse­rem Selbstbild widerspricht. Exkremente und Sexualität haben wenig En­gelhaftes. Und darum verbergen wir sie. Wir wollen unserem Mitmenschen und uns selbst vorgaukeln, dieses Nicht-En­gelhafte nicht zu haben. Aber was bedeutet dieses Selbstbild, wo­für die Scham beredtes Zeugnis ist? Es bedeutet, dass wir uns auf mindestens einer Ebene nicht vollständig fassen können. Und uns dar­um um so mehr verengeln. Um uns nackt zu zei­gen, müssen wir einen Schalter umlegen, so beim Arzt, auf dem Nacktbadestrand oder in der Sauna, oder eben in der geschlechtlichen Begegnung. Im Rausch der geschlechtlichen Vereinigung erlischt die Scham und wir werden für Augenblicke voll­kommen. Der Partner, der uns nackt gesehen und berührt hat, ist unser Vollender. Jetzt sind wir für eine kurze Weile tiergleich, wie früher als Kind, „da uns nichts geschah als nur,/ was einem Ding geschieht oder einem Tiere:/ da lebten wir, wie Menschliches, das Ihre.“ Als Kinder kannten wir keine Scham, weil das Geschlechtliche noch ohne Bedeutung, ohne Aufgabe an uns war. Da waren wir eins mit dem Tier und eins mit dem Engel. Jetzt aber müssen wir das Geschlecht befreien lassen vom Partner oder versuchen, es in die kindliche Bedeutungslosigkeit zu versenken. Letzteres darf kein Ziel sein, darf nicht gelehrt oder verlangt werden. Dennoch bleibt unser Engel-Selbstbild oder kehrt stets wieder zurück. Wir sind nicht mehr wie diese beiden: „Adam und Eva waren nackt, aber sie schämten sich nicht.“

Jeder hat für den anderen eine Art Griff, wo dieser ihn greifen kann. Dieser Griff kann dem einen mehr oder dem andern weniger griffig sein. Wo dieses Greifen allzu leicht gelingt, ent­steht Manipu­lation, wo es spannend schwingt, entsteht Freundschaft oder Liebe. Wo es nicht gelingt, entsteht Gleichgültigkeit, und wo selbst der Versuch schon aussichtslos erscheint, weil der Griff nicht exis­tiert oder sich entzieht, entsteht Antipathie.

Die menschliche Existenz kennt einige Verhängnisse. Eines ist das Politische als Ort des Machtge­brauchs. Ausgesetzt der Generierung von Macht, deren hervorstechende Qualität die Dummheit ist. Und als Dummheit ist sie habgierig und gewalttätig. Sie ist dumm, weil sie handelt, als wüsste sie etwas über sich selbst und über uns. Können wir doch uns selbst und das Leben nicht hinreichend verstehen und sind darum nicht berechtigt, Entscheidungen für andere zu fällen. Das Elend der Macht: Dass wir es trotzdem tun. Und das Elend des Menschen: Dass er Macht zulässt und fördert. Es wäre ein Gebrauch von Macht zur Korrektur zum Guten vorstellbar, aber dafür müssten wir uns einig sein, was das Gute ist, in welche Richtung korrigiert werden soll. Aber wir wissen's nicht. Und wenn wir's zu wissen meinen, o weh! 

Warum baut sich das Tier oder die Pflanze keine Vorratskammer an mit Schloss und Riegel, wie der Mensch es tut, außer hier und da mal eine Nuss zu vergraben? Nicht, weil es nicht die Fähigkeit dazu hätte. Nein, weil es ihm zu langweilig ist. Die Nahrungsbeschaffung ist ihm Spiel und Span­nung. Es ist durchaus möglich, dass es einmal nichts findet. Aber es weiß, in­sofern durch den Men­schen kein künstlicher Eingriff stattgefunden hat, dass irgendwo die Nahrung auf es wartet. Selbst wenn das Tier kleine Lager anlegt, etwas in der Erde vergräbt, kann es keineswegs sicher sein, dass die Nahrung dort auch bleibt. Das Lager ist ständig in Gefahr. Das Tier und die Pflanze wissen, sie sind vom Sein her die Gewagten. Und sie neh­men das Wagnis an. Wir, die wir die Gewagteren sind, haben die Möglichkeit, uns dem zu widersetzen und sagen: „Keller und Kühlschrank sind voll, jetzt brauche ich nur noch ein ein­bruchsicheres Schloss.“ Dieses Schloss aber lässt uns nicht zur Ruhe kommen. 

Solange der Mensch einem Kollektiv gehört statt sich selbst, ist Krieg nicht zu vermeiden. Macht kann sich nur im Kollektiv oder angesichts eines Kollektivs ausbilden. Macht ist Macht über Men­schen und hat zur Bedingung die Zugehörigkeit. Diese Zugehörigkeit wird seitens der Macht als Ei­gentum ausgelegt. Macht ruft Gegenmacht hervor. Und schon ist man im Krieg. Der dem Kollektiv entweder zugehörig Gemachte oder der sich diesem selbst angeschlossen hat, erhält irgendwann ei­nen Stellungsbefehl, wird in die Machtspiele derer einbezogen, die nur so weit denken können: Hundert Quadratmeter sind mehr als fünfzig Quadratmeter, oder zwei Euro sind mehr als ein Euro. Dieses Mehr findet sein Rückgrat in jedem, der es akzeptiert, Eigentum der Macht zu sein und schließlich als Soldat zum Wohle seines Herrschers zu sterben. Was aber, wenn er die Selbstherr­schaft übernähme?

Der Mensch, das traurigste Wesen. Und da ist niemand, der ihn bemitleiden kann. Nur er sehnt sich nach ewiger Schönheit, nach ewigem Leben. Nur er sieht den Verfall des Körpers, ist eingedenk der Macht des Todes.

Wir wissen es, aber wollen es nicht wahrhaben: Wir schulden einander das befreiende, himmelöffn­ende, gegenwartserschließende Wort. Aber stattdessen geben wir Geplauder, verkleb­te sinnleere Fetzen, streifen wir an Mauern entlang, ohne sie einbrechen zu wollen. Wenn wir viel geben, dann das kleine Einmaleins oder das Alphabet, maximal ein Kreuzworträtsel. Selig, wer im andern das liebende Wort trifft und sich von diesem treffen läßt. Er erfährt SINN. Das Wort bedeutet Gefahr. Es bestätigt, dass wir vom Sein als die „Gewagten“ ge­meint sind. Es gibt niemanden, der dazu nicht bereit sein kann, wenn er dazu bereit sein will.

„Jeder stirbt für sich allein“, das mag so sein. Wir wissen es nicht. Aber niemand lebt für sich allein, das ist gewiss.

Anmerkungen
„da uns nichts geschah als nur,/ was einem Ding geschieht“, Rainer Maria Rilke, aus dem Gedicht „Kindheit“ in „Neue Gedichte“
„Jeder stirbt für sich allein“, Roman von Hans Fallada

Walter Thümler, September 2022

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